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PEOPLE-BETWEEN

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PEOPLE-BETWEEN
Vernissage 4.04. 18Uhr
Ausstellung: 5.-10.04. täglich 12-18Uhr
Finnisage: 10.04. 18Uhr
Die Einzigartigkeit des Menschen wird in spätmodernen, individualisierten Gesellschaften stärker betont als je zuvor. Gleichzeitig scheint eine gegenläufige Bewegung sichtbar zu werden: eine wachsende kulturelle Angst vor Uneindeutigkeit – vor dem Zustand, in dem Kategorien ihre Gültigkeit verlieren und klare Zuschreibungen brüchig werden.

Diese Ausstellung widmet sich genau diesem Raum: dem Dazwischen.

Zwischenräume strukturieren menschliche Erfahrung fundamental. Sie entstehen dort, wo Beziehungen, Bedeutungen und Identitäten nicht eindeutig festgelegt sind. Dennoch wird gesellschaftliche Ordnung häufig über Dualismen organisiert: Mann oder Frau. Hetero oder Homo. Gut oder Böse. Täter oder Opfer. Innen oder Außen. Vergangenheit oder Zukunft.

Solche binären Ordnungen erzeugen vermeintliche Stabilität, indem sie Ambivalenz reduzieren (Degele, 2005). Doch sie verdecken zugleich, dass menschliche Erfahrung wesentlich relational ist – dass Gefühle, Identitäten und Bedeutungen gerade in Spannungen, Übergängen und Unbestimmtheiten entstehen.

Gefühle entstehen zwischen Menschen.

Selbstverständnisse entstehen zwischen Selbst und Welt,

in der Beziehung zwischen Selbst und Objekt.

Das Individuum bleibt dabei unauflöslich auf das Gegenüber bezogen. Das Selbst konstituiert sich nicht unabhängig, sondern in Relation – in Anerkennung, Abgrenzung, Projektion und Spiegelung.

Auch die Geistesgeschichte kennt diese Struktur des Gegensatzes:

das Apollinische und das Dionysische, Ordnung und Ekstase;

Strukturalismus und Konstruktivismus;

Natur und Kultur.

Doch gerade dort, wo Gegensätze aufeinandertreffen oder sich überlagern, öffnet sich ein produktiver Raum – ein Zwischenraum, in dem neue Bedeutungen entstehen können. In queer-theoretischen Perspektiven wird dieser Zustand der Uneindeutigkeit nicht als Defizit verstanden, sondern als Ort von Handlungsspielräumen und Einzigartigkeit. Widersprüche müssen sich nicht auflösen. Sie können und müssen zum Teil gleichzeitig bestehen.

Dieser Raum kann auch mit Pierre Bourdieus Konzept des Habitus beschrieben werden. Habitus bezeichnet jene tief verinnerlichten Dispositionen, Wahrnehmungsweisen und Handlungsschemata, die Menschen im Verlauf ihrer sozialen Erfahrungen entwickeln und die ihr Verhalten oft unbewusst strukturieren – Gesellschaft als Zitat, gar Urteil (Eribon, 2017). Diese dispositionshaften Muster verbinden individuelle Biografie mit sozialen Strukturen und prägen, wie Menschen die Welt wahrnehmen, bewerten und in ihr handeln.

Habitus ist damit weder rein individuell noch rein strukturell – er entsteht zwischen sozialer Ordnung und persönlicher Erfahrung.

In gegenwärtigen intersektionalen Arbeiten wird dieser Gedanke weitergeführt, indem gefragt wird, wie sexuelle Identität und soziale Klasse miteinander verschränkt sind. Der Ansatz eines QUEER HABITUS beschreibt, wie nicht-heterosexuelle Lebensweisen einen etablierten und wirkmächtigen Klassenhabitus irritieren oder gar verschieben können (Kasprowski & Boertien, 2025). Erfahrungen von Differenz oder Distanz gegenüber Herkunftsmilieus können dazu führen, dass Individuen ihre sozialen Dispositionen reflektieren (müssen) und neu ausrichten.

Gerade diese Unterbrechung scheinbar stabiler sozialer Ordnungen eröffnet neue Bewegungen im sozialen Raum: Menschen lösen sich von vertrauten sozialen Kontexten, suchen neue Zugehörigkeiten und entwickeln alternative Formen von Lebensstil, Bildung oder kultureller Praxis. In diesem Prozess entsteht ein Zwischenzustand – weder vollständig Teil des Herkunftsmilieus noch vollständig angekommen in einem neuen sozialen Feld.

Ein Weder-Noch und zugleich Sowohl-als-Auch; ein Schmerz des Ausbruchs und Erfüllung der Sehnsucht. Eine Flucht von zu Hause.

Die Arbeiten von Dominik Plaßmann bewegen sich genau in diesem Feld.

Der Künstler kombiniert figurative Bildlichkeit mit Textfragmenten, Zitaten und kulturellen Referenzen. Antike Motive treffen auf visuelle Elemente, die als „fremd“ gelesen werden können – etwa ästhetische Anleihen aus japanischen Bildwelten. Was zunächst Ruhe, Struktur oder formale Ordnung zu versprechen scheint, erzeugt beim zweiten Blick zugleich eine subtile Irritation.

Der ästhetische Rahmen bleibt instabil.

Auch das verwendete Material trägt diese Spannung in sich. Plaßmann nutzt in dieser Arbeit häufig den Buntstift – einem Medium, das stark mit Kindheit, spielerischem Experimentieren und der frühen Erfahrung kreativer Freiheit verbunden ist. Das leere Blatt und die Fantasie bilden dabei einen klassischen Zwischenraum: einen offenen Ort zwischen Möglichkeit und Form.

Erst später – mit dem Versuch, Welt eindeutig zu ordnen – entsteht oft die Angst vor der Leere.

Die Arbeiten erweitern diese zeichnerische Grundlage durch weitere Materialien wie Acryl. Dadurch entsteht eine visuelle Vielschichtigkeit, die den Blick des Betrachters herausfordert: Ordnung scheint zunächst erkennbar, löst sich jedoch immer wieder auf.

Zugleich greifen die Arbeiten kulturelle Bildcodes auf – etwa Szenen weiblicher Stärke oder männlicher Verletzlichkeit –, die als zaghaft und vertraut erscheinen, aber in ihrer Konstellation irritierend wirken. Humor, Kindlichkeit und ästhetische Harmonie stehen neben Momenten subtiler Verunsicherung und dramatischen Schmerz.

Gerade in dieser Spannung entsteht der zentrale Erfahrungsraum der Ausstellung.

People Between zeigt Figuren, Beziehungen und Zeichen in einem Zustand der Übergänglichkeit. Bedeutungen bleiben offen, Identitäten beweglich. Das Dazwischen erscheint nicht als Defizit, sondern als produktiver Ort sozialer und ästhetischer Erfahrung – als Raum, in dem sich Einzigartigkeit überhaupt erst entfalten kann.

Dominik Plaßmann wurde 1987 in Bielefeld geboren.

Er studierte Fashion Illustration an der Fachhochschule Bielefeld und schloss sein Studium mit dem Master ab. Anschließend setzte er seine künstlerische Praxis mit Schwerpunkt auf Malerei und Zeichnung fort und absolvierte weitere Studien bis 2018. Studienaufenthalte führten ihn an die Academy of Arts, Architecture and Design in Prague (UMPRUM).

Kurz nach seinem Abschluss zog er nach Berlin, wo er bis heute lebt und arbeitet.

Im Zentrum seiner künstlerischen Arbeit steht das menschliche Porträt – verbunden mit einer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit sozialen Normen und kulturellen Konventionen. Seine Werke untersuchen, wie gesellschaftliche Ordnungssysteme Identität strukturieren und zugleich begrenzen.

Eine wichtige Referenz bildet dabei ein Gedanke von Simone de Beauvoir aus Le Deuxième Sexe (1949):

„Die Symbolik ist weder vom Himmel gefallen noch aus der Tiefe entstanden: Sie wurde – wie die Sprache – von der menschlichen Wirklichkeit hervorgebracht; einer Wirklichkeit, die zugleich ein Mitsein und ein Getrennt-Sein bedeutet.“

Diese Spannung zwischen Nähe und Distanz bildet einen zentralen Ausgangspunkt von Plaßmanns künstlerischer Praxis.

Referenzen

Beauvoir, S. de. (1949). Le deuxième sexe [The second sex]. Paris: France Loisirs.

Bourdieu, P., & Passeron, J.-C. (2007). Die Erben: Studenten, Bildung und Kultur. (41. Aufl.). UVK.

Degele, N. (2005). Heteronormativität entselbstverständlichen: Zum verunsichernden Potenzial von Queer Studies. Freiburger FrauenStudien: Zeitschrift für interdisziplinäre Frauenforschung, 11(17), 15–39. https://doi.org/10.25595/1717

Eribon, D. (2017). Gesellschaft als Urteil: Klassen, Identitäten, Wege. Suhrkamp Verlag.

Kasprowski, D., & Boertien, D. (2025). ‘Escape’ from Home? The Moderating Role of Sexual Orientation on the Association Between Social Origin and Educational Attainment. European Societies, 1–37. https://doi.org/10.1162/euso_a_00019

Swartz, D. (1997). Habitus: A Cultural Theory of Action. In Culture & Power: The Sociology of Pierre Bourdieu. (S. 95–116). University of Chicago Press.

Dr. David Kasprowski